GEDANKEN ALS AMERIKANISCHER AUSTAUSCHLEHRER

Als meine Frau Terry und ich vor zwei Jahren den Brief von der Fulbright Kommission in Washington D.C. mit der Botschaft erhielten, dass ich im kommenden Schuljahr als einer der siebzehn amerikanischen Austauschlehrer in Deutschland wohnen und unterrichten wurde, war unsere Reaktion aus erster Hand durchaus euphorisch. Als der Tag unserer Abreise sich näherte, ging die Euphorie Tag für Tag langsam aber sicher zu Unsicherheit und allmählich zu Panik über.

In Aurora wohnten wir in einem Reihenhaus auf dem Land; unsere Wohnung in Erfurt, so wie wir erfuhren, würde in der Stadt sein. Zu Hause unterrichtete ich normalerweise Deutsch in den zehnten, elften und zwölften Klassen; an dem Koenigin-Luise-Gymnasium würde ich in den sechsten, siebten und achten Klassen Englisch unterrichten. Meine SchülerInnen in Amerika sind zwischen vierzehn und achtzehn Jahren; in Deutschland würden sie zwischen elf und dreizehn sein. Der Unterricht in Amerika ist öfters global und fachübergreifend, die Denkfähigkeiten der Schülerinnen werden mehr in Anspruch genommen, als die Kenntnisse des Fachinhalts. Wird es auch so in Deutschland sein?

Obwohl ich mehrmals in deutschsprachigen Ländern verweilte, kannte ich Thürinngen und die anderen neuen Bundesländer hauptsächlich aus Büchern und Besuchen während der DDR-Zeiten. Wie werden wir als Amerikaner aufgenommen in einem Teil Deutschlands, wo wir vor acht Jahren offiziell PERSON NON GRATA waren, fragten wir uns. Diese Gedanken und Unsicherheiten machten uns über unsere Fahrt ins Ungewisse unbehaglich und bange.

Trotz aller Bedenken haben wir es gewagt, unser Abenteurer durchzuführen. Jetzt, nach unserem Rueckehr, wundern Terry und ich uns, warum wir so besorgt waren. Wir haben ein unwahrscheinlich interessantes, eindrucksvolles Jahr mit netten KollegInnen, hilfsbereiten, offenen Mitmenschen, interessierten Schuelern und grosszuegigen Chefs erlebt. Sicherlich war unser tägliches Leben sehr anders als zu Hause. Die Schule war anders. Die Erwartungen der SchülerInnen waren anders. Die Lebenswiese unterscheidete sich manchmal drastisch von der in Amerika. Aber gerade das war das Interessante und Fruchtbare an unseren Erlebnissen während des Austausches in Deutschland.

Ich wurde manchmal von deutschen KollegInnen gefragt, ob der Unterricht in Amerika besser wäre als in Deutschland, oder ob die SchuelerInnen in Amerika fleissiger seien, oder ob die Arbeitbedingungen in den Schulen in Amerika besser wären. Es gab eigentlich keine Antwort auf diese Fragen, weil das Bildunssystem in Amerika anders gestaltet ist. Und das ist eigentlich das, was für mich wichtig und lehrreich bei meinen Erlebnissen in Deutschland war. Wenn ich erwartet hätte, dass die Erfahrungen, die ich diese Jahr machte, eine Wiederspiegelung des amerikanischen Schulalltags gewesen wären, wäre ich sicherlich sehr enttäuscht gewesen. Es ist nicht eine Frage von besser oder schlechter, sondern die Frage, was man im Schulwesen erreichen moechte. Die Ziele in Amerika, sind teils anders als die Ziele der deutschen Schulen.

Der Unterricht in Deutschland scheint mir mehr Inhalt bezogen zu sein als in Amerika. Ich habe empfunden, dass meine SchuelerInnen in Deutschland im Allgemeinen sehr genau Informationen einsammelten, um sie später bei einer schriftlichen Bewertung wiedergeben zu können, die SchülerInnen wurden auch bewusst aufgefordert, den Inhalt und die Informationen zu lernen als Vorbereitung für schriftlich Bewertungen, die in regelmässigen AbstŠnden geschrieben wurden. Die Arbeiten der SchuelerInnen wurden dann genau und objektiv bewertet. Der Unterricht in Amerika unterscheidet sich vom deutschen, indem die Lernenden gefordert werden, den Inhalt selbst zu schafen. Man glaubt, dass die SchülerInne dadurch gezwungen werden selbst zu entscheiden was der Inhalt sein soll. Manche amerikanische SchuelerInnen finden das sehr unbehaglich, weil es oft keine "richtige" Antwort gibt, sondern viele Antworten. Die Bewertungen sind nicht Folge einer Lehreinheit, sondern ein Teil des Lenrprozesses. Die Bewertungen sind täglich, hoch subjektiv, nicht nur schriftlich sondern auch mündlich. Der Grund, warum der Schultag in Amerika in der Regel läenger ist als in Deutschland, ist dass die SchülerInnen die Gelegenheit haben, die Information und Inhalt, die sie benötigen einsammeln zu können. Ziel dieses Verfahrens ist, das die Lernenden, und nicht die Lehrenden, Ermittler des Lernstoffes werden, d.h. die SchülerInnen, in Zusammenarbeit mit den Lerern, sollen lernen wie man entscheidet was wichtig und was unwichtig ist, damit die Lernenden in der Zukunft die Entscheidungen selbst treffen können.

Unsere Erlebnisse in Erfurt und an dem KLG werden wir nie vergessen. Die Erinnerungen an SchülerInnen, KollegInnen, neue Freunde, und das wunderschöne Thüringen werden wir für immer beibehalten

Ich habe viel gelernt und vieles erfahren, nicht nur über Deutschland und die Deutschen, sondern auch über mich selbst. Ich habe nie zuvor meine Muttersprache als Fremdsprache unterrichtet. Ich habe deshalt, als frischgebackener Englischlehrer gelernt, dass eine Sprache zu sprechen und schreiben nicht das Unterrichten der Sprache erleichtert. Ich habe auch als manchmal skepticher Amerikaner gelernt, dass es viel in Amerika gibt, das schätzbar und bewundernswert ist, worauf man stolz sein kann. Ich glaube, ich kenne mein eigenes Land jetzt besser, als ich es vor einem Jahr kannte. Das verdanke ich den vielen Fragen und Anregungen zur Diskussion, die die Lernenden und Lehrenden an dem KLG geboten haben.

Ich hoffe,dass meine Anwesenheit an der KLG ein bisschen dazu beigetragen hat, dass Schuljahr 1996/97 zu einem erfolgreichen Jahr zu machen. Zum Schluss möchte ich meine amerikanischen KollegInnen ermutigen, es zu wagen, sich auch eine längere Zeit als LehrerInnen in Deutschland aufzuhalten. Es würde sicherlich auch das Erlebnis ihres Lebens sein. Wer sich dafür interessiert, kann weitere Informationen über den Austausch bei der United States Information Agency in Washington, D.C. bekommen. Schreiben Sie an Dr. Jochen Hoffmann, Director, Teacher Exchange Branch, 301 Fourth Street S.W., Washington, DC 20547. Tel (202) 619-4556. e-mail <jhoffmann@usia.gov>. Wenn Sie mir Fragen stellen moechen, rufen Sie an oder schicken Sie mir ein e-mail. Mein Telfonnummer ist (630) 466-4156, die e-mail Adresse ist <stark@imsa.edu>.
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