Und jetzt die drittte Übung!

Jetzt lesen wir mal das ganze Märchen von den Bremer Stadtmusikanten!

 
 
Ein Esel, der seinem Herrn treulich die Säcke zur Mühle geschleppt hatte, wird alt und zur Arbeit untauglich. Da jagte ihn sein Herr fort, denn er wollte nicht unnütz Futter vergeben. Der Esel aber meinte, zum Stadtmusikanten würde er noch taugen, und er machte sich auf dem Weg nach Bremen.
 
Herr (dat. = Herrn) = Mister (here = Master);
treulich = honestly;
Mühle = mill;
schleppen, hat geschleppt = to carry;
taugen = to be suited for;
fortjagen = to hunt down and throw out;
Fütter = food (for animals);
meinen, meinte, hat gemeint = to believe, to mean
Als er ein Weilchen gegangen war, saß da ein Hund am Wege und heulte jämmerlich. "Was ist dir?" fragte der Esel. "Ach, ich bin alt und zu müde zur Jagd", sagte der Hund. "Häich nicht das Gnodenbrot verdient? Aber totschießen wollen hat mich der Herr. Da bin ich lieber weggelaufen."
 

Weilchen = a small amount of time, a short while;
heulen, heulte = to howl, to call out;
jämmerlich = wretchedly, deplorably;
Was ist dir? = (old German slang) What's up with you?;
Jagd = hunt;
Häich = have I;
Gnodenbrot = type of bread;
verdienen = to earn;
totschießen = to shoot dead;
weglaufen = to run away
"Recht hast du getan, Brüder", erwiderte der Esel, "docht wie ich höre, hast du eine treffliche Stimme. Und wenn wir zwei Musik machen, so wird sich dies gut anhören. Geh mit mir nach Bremen." Der Hund war zufrieden, und bald trafen sie eine Katze, die zerzuast und hungrig am Wegrand lag und auf bessere Zeiten wartete.
 

erwiderte = answered;
treffen = to meet;
Stimme = voice;
anhören = to listen to;
zufrieden = satisfied;
Wegrand = the side of the road;
auf bessere Zeiten wartete = waited for better times
"Was ziehst du nur für ein Gesicht?" tadelte der Esel. "Sieh nur, wie lustig wir sind. Wie ziehen noch Bremen und werden Stadtmusikanten." "Wenn es an dem ist, so nehmt mich mit", bat die Katze, "denn meine Frau will mich ersäufen, wiel ich so alt geworden bin, daß mir die Mäuse auf der Nase tanzen. Aber singen kann ich gut.
 

ziehen = to move;
mitnehmen = to take with;
beten = to ask;
ersäufen = to drown;
Es dauerte nicht lange, und sie kamen an einen Zaun. Darauf saß ein Hahn, der schrei so laut er konnte. "Das klingt nicht übel", sagte der Esel, "aber du solltest deine Stimme sparen und lieber mit uns kommen. Wir sind die Bremer Stadtmusikanten."
 

dauern = to last;
Zaun = fence;
Das klingt nicht übel = that doesn't sound bad;
sparen = to save;
Der Hahn hörte sogliech auf zu krähen. "Nun wollen sie mich in der Suppe kochen, weil Gäste kommne," beklagte er sich. "Dabei habe ich ihnen Jahr und Tag die Uhr angezeigt. Aber Undank ist die Welt Lohn, und deshalb soll ich in den Topf."
 

krähen = to crow;
beklagen = to complain, to deplore;
anzeigen = to display
Undank = ingratitude
Lohn = wages
"Du sollst gerechten Lohn für treue Dienste haben, so wie wir auch", sagte der Esel. Der Hahn ließ sich überreden, mitzugehen, und so liefen sie zu viert weiter. Doch Bremen war weit und der Abend nah. Und als es dunkelte, standen sie vor einem dichten, schwarzen Wald.
 

Dienst = service;
überreden = to pursuade
Sie suchten sich einem Baum zur Herberge. Weil aber das Quartier hart war und sie kein Abendbrot bekamen, meinten sie, daß sie besseres verdient hatten. Der Hahn, der bis in die Spitze des Baumes gelogen war, entdeckte ein Licht in der Ferne, und er sagte, dort, wo ein Licht sei, stehe zumeist auch ein Haus.
Herberge = lodging;
Abendbrot = dinner;
entdecken = to discover;
in der Ferne = in the distance;
zumeist = usually
Die anderen fanden, daß man einen klugen Gedanken immer in die Tat umsetzen müsse, und sie gingen dem Lichte nach. Es dauerte auch gar nicht lange, so standen sie vor einem Haus. Sie hatten gern gewußt, wer darinnen sei, und der Esel, als der größte, mußte hineinschauen.
 
 

Gedanken = thoughts;
Tat = act, event;
umsetzen = transfer;
hineinschauen = to look in
"Ich mein, das wäre etwas für uns", sagte der Esel, als er wieder heruntergestiegen war. "Ich sah einen lecker gedeckten Tisch. Daran saßen Räuber und ließen er sich gut sein." "Ach, wären wir doch in dem Haus, und an dem Tisch", sagten der Hund, die Katze und der Hahn.
 

heruntersteigen = to come down
decken = to set a table
Räuber = thieves
"Warum nicht?", entgegnente der Esel. "Das wäre kein Unrecht. Die Räuber müssen hinaus, das ist keine Gesellschaft für uns." Da beratschlagen die Tiere, wie sie es anstellen müßten, die Räuber zu verjagen. Nachdem sie lange genug nachgedachten hatten, fanden sie ein Mittel.
 

entgegnen = to retort
Unrecht = crime
Gesellschaft = society, company
beratschlagen = to give lots of advice
anstellen = to employ, to execute
nachdenken = to think s.t. over
Mittel = means
Der Esel gab ein Zeichen: eins, zwei, drei, worauf sie begannen Musik zu machen. Der Esel schrei, der Hund bellte, die Katze miaute, und der Hahn krähte: "Furio! Furio!". Dazu schlug er mit den Flügeln, daß er rauschte.
 

schlagen = to strike;
Flügel = wing;
rauschen = to rush
Das war ganz erschrecklich anzuhören, und zu allem Überfluß stürzten sie durch die Scheiben in das Haus hinein. Da läßt sich gut denken, wie die Räuber in die Höhe fuhren. Sie glaubten nicht anders, als daß sie jetzt sollten gegriffen und für ihre bösen Taten bestraft werden.
 

Überfluß = abundance;
stürzen = to fall;
Scheiben = window pane;
Höhe fuhren = to stand up;
greifen = to attack;
bestraften = to punish
Sie ließen alles stehen und liegen und sprangen wie die wilde Jagd zu Tür und Fenster hinaus. Est als sie glaubten, so weit gelaufen zu sein, daß sie keiner mehr entdecken und einholen könne, hielten sie an, um zu verschnaufen.
 

einholen = to catch up;
verschnaufen = have a breather
Die Tiere hatten es sich inzwischen längst am Tische bequem gemacht, und da sie schon eine Ewigkeit gehungert hatten, waren sie nicht wählerisch. Sie aßen und tranken nach Herzenslust und waren seit langer Zeit wieder einmal gute Dinge.
 

inzwischen = in the mean time;
bequem = comfortable;
Ewigkeit = a long time, eternity;
wähterisch = discriminatingly;
Herzenslust = heart's content;
Als sie satt waren, legten sie sich schlafen, jeder, wie er es gewohnt war. Der Esel auf dem weichen Misthaufen, der Hund hinter der Hoftür, die Katze in der warmen Herdecke. Der Hahn setzte sich auf den Torbalken und steckte den Kopf unter die Flügel.
 

satt = full (of food);
Misthaufen = manure heap;
Herdecke = stove corner;
Torbalken = door beam
Wie alle Leute, die etwas Nützliches vollbracht und ordentlich gegessen hatten und mit ihrem Tagwerk zufrieden waren, schliefen sie bald ein. Die Räuber im Walde aber hatten keine Ruhe. Sie standen beisammen und stritten sich. Es tat ihnen leid um das Haus und um die Mahlzeit.
 

Nützliches = useful;
vollbracht = achieved;
Mahlzeit = mealtime;
streiten = to argue
Auch beklagten sie sich, daß sie sich hätten ein wenig gar zu schnell ins Bockshorn jagen lassen. Man hätte doch wenigstens erst sehen sollen, wer da so gewaltsam ins Haus eindrang. Deshalb befahl der Hauptmann, daß einer von ihnen hingehen und nachsehen müsse.
 

ins Bockshorn jagen = to scare s.o.;
gewaltsam = violently;
eindringen = to penetrate;
Hauptmann = leader;
nachsehen = to have a look
Der Räuber schlich sich ins Haus und fand alles still und dunkel. Da legte sich seine Furcht ein wenig, und er wollte ein Licht anzündern. Da er aber glaubte, die Augen der Katze seien glühende Kohlen, so hielt er ein Schwefelhölzchen zum Anzündern daran. Die Katze nahm den Spaß übel und sprang ihm ins Gesicht.
 

schleichen = to sneak;
legen = lay down (here = decrease)
Furcht = fear, dread;
anzündern = light, strike (match);
glühende Kohlen = glowing coals;
Schwefelhölzchen =
Der Räuber erschrak gewaltig und wollte zur Tür hinaus. In der Eile trat er dem Hund auf den Schwanz, und der Hund, der so etwas um den Tod nicht ausstehen konnte, biß ihn heftig ins Bein und blaffte: "Diebe! Diebe!", denn das hatte er gelernt.
erschreken = frighten, startle;
Eile = hurry, rush;
Schwanz = tail;
beissen = to bite;
Diebe = theif
Der Räuber schrie Ach und Weh, aber das half ihm nichts, denn unterdes was der Esel wachgeworden. Er wollte seinen Kameraden zu Hilfe kommen und versetzte dem Räuber einen Schlag mit dem Hinterfuß. Dazu krähte der Hahn aus Leibeskräften.
 

Ach und Weh schreinen = to wail;
(auf)wachen = to wake up;
Hinderfuß = hind foot;
Leibeskräften = all of its might
Hinkend und heulend kam der Räuber zu seinen Kumpanen zurück. "Das Haus ist voller Häscher", jammerte er. "Sie haben schreckliche Waffen, mit denen sie mich fast umgebracht hätten. Und einer vor ihnen hat immer geschrein: 'Hängt ihn! Hängt ihn!'"
hinken = to limp;
heulen = to wail;
Häscher =
Waffen = weapons;
umbringen = to kill;
Hängt ihn! = Hang him!
Da packte die Räuber große Angst, und sie fürchteten, daß die Häscher jeden Augenblick kommen und sie fangen müßten. Sie rannten in alle Welt, und ob sie es in Zukunft mit ehrlicher Arbeit versuchten, weiß die Geschichte nicht zu berichten. Jedenfalls hat man von ihnen nichts wieder vernommen.
 

jeden Augenblick = at any moment;
versuchen = to attempt;
die Geschichte = the story
berichten = to report
Den vier Bremer Stadtmusikanten aber gefiel es in dem Haus. Sie blieben darin wohnen und hatten es gut auf ihre alten Tage. Sie schlossen Freundschaft mit den Tieren des Waldes und musizierten miteinander, so alt sie Lust hatten, und so alt es nur von ihnen gewünscht wurde.
gefallen = to be pleasing to s.o.;
Freundschaft = friendships
Lust = want
 

Klicke hier für die Bremer Stadtmusikanten III